Globale Herausforderung Korruption
-Zusammenfassung-
Autoren
Spannungsfeld zwischen zunehmendem Protektionismus als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise und steigenden Anforderungen an die Korruptionsprävention multinationaler Unternehmen?
Als ein wesentlicher Teilbereich der Wirtschaftskriminalität hat Korruption in den letzten Jahren besondere Aufmerksamkeit erlangt und sich in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft als ernstes Problem manifestiert. Spektakuläre Korruptionsfälle in der jüngeren Vergangenheit, selbst bei deutschen Vorzeigeunternehmen (z.B. Siemens), belegen, dass das Thema Korruption von aktuell großem Interesse ist. Speziell die zunehmende Einleitung geeigneter Präventionsmaßnahmen, die das langfristige Interesse der Unternehmen bzw. der Wirtschaft in Bezug auf die Korruptionsbekämpfung sicherstellen sollen, symbolisiert die wachsende Bedeutung der Korruptionsproblematik in der Öffentlichkeit.
Obwohl das Korruptionsniveau in den modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften, wie z.B. der Bundesrepublik Deutschland, vergleichsweise gering ausfällt, lassen sich dennoch bedeutende Auswirkungen durch Korruption auf die deutsche Volkswirtschaft bzw. die deutschen Unternehmen identifizieren. Korruption wirkt sehr vielseitig auf die verschiedenen Akteure in Gesellschaft und Wirtschaft. So schwächt Korruption Volkswirtschaften auf verschiedene Weise, belastet die Unternehmen und beeinträchtigt die Einkommensverteilung innerhalb der Bevölkerung.
In Folge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftkrise nimmt der Protektionismus der Volkswirtschaften, insbesondere der westlichen Industrienationen, zu. Dadurch verschlechtern sich die Markteintrittschancen für ausländische Unternehmen in den sich abschottenden Ländern, infolgedessen die Wettbewerbssituation zu Gunsten der einheimischen Institutionen verschoben wird. Vor diesem Hintergrund verzerrter Markt- bzw. Wettbewerbsbedingungen nehmen für ausländische Unternehmen die Anreize zu, mit Hilfe korrupter Praktiken Zutritt zu diesen Märkten zu erlangen, um trotzdem lukrative Aufträge zu akquirieren. Korruption ermöglicht es den Unternehmen die künstlich geschaffenen Marktbarrieren teilweise zu umgehen. Dadurch gelingt es weltweit agierenden Unternehmen trotzdem lukrative Aufträge in protektionistisch orientierten Ländern zu generieren, die dann in Form einer gesteigerten Investitionsnachfrage zumindest teilweise in dem jeweiligen Heimatland der Unternehmung wirksam wird. Somit profitiert sowohl die deutsche Volkswirtschaft als auch die öffentliche Hand zumindest kurzfristig von der korruptionsinduzierten Auftragssteigerung.
Das Ziel der Arbeit liegt darin, erstmals die gesamtwirtschaftlichen Effekte einer korruptionsinduzierten Nachfragesteigerung mit Hilfe des offenen statischen Modells der Input-Output-Rechnung aufzuzeigen. Konkret werden die Produktions-, Wertschöpfungs-, Einkommens- und Beschäftigungseffekte für die deutsche Volkswirtschaft sowie die daraus resultierenden fiskalischen Wirkungen infolge einer erhöhten Investitionstätigkeit analysiert. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen die Investitionszahlungen, die als Ergebnis der Anwendung korrupter Praktiken bei der Auftragsvergabe, von Unternehmen nach Deutschland geholt werden und hier in Form von Nachfragesteigerungen in die betroffenen bzw. vorgelagerter Produktionssektoren sowie zusätzlicher Einkommen zugunsten der deutschen Wirtschaft wirksam werden. D.h. wird einem deutschen Unternehmen ein lukrativer Großauftrag infolge korrupter Handlungen zugeteilt und wird davon ausgegangen, dass ein bestimmter Teil der daraus resultierenden Investitionszahlungen auch tatsächlich innerhalb der deutschen Volkswirtschaft realisiert werden, so entstehen als Reaktion auf die geänderte Nachfragesituation Wachstums- und Beschäftigungseffekte in Verbindung mit fiskalischen Effekten, die im Rahmen dieser Ausarbeitung quantifiziert werden.
Zur Quantifizierung der gesamtwirtschaftlichen Effekte wurden vier Szenarien berücksichtigt. Nachfolgend sind die vier Szenarien kurz beschrieben. Sie sollen insbesondere die Wirkungen zusätzlicher Aufträge auf unterschiedliche Teilbereiche des verarbeitenden Gewerbes verdeutlichen:
- Szenario 1: Die gesamtwirtschaftlichen Effekte als Ergebnis dieses Szenarios resultieren aus einer 500 Mio. € hohen Endnachfragesteigerung nach Maschinen.
- Szenario 2: Die im Rahmen des zweiten Szenarios quantifizierten Effekte gehen auf eine auftragsinduzierte Endnachfragesteigerung bei der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen zurück.
- Szenario 3: Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen des dritten Szenarios basieren auf einer veränderten Nachfragesituation bezüglich der Erstellung von Bauprodukten. Die dem Szenario unterstellte Nachfrageerhöhung verteilt sich diesbezüglich zu je 50% (d.h. 250 Mio. €) auf die „vorbereitende Baustellenarbeiten sowie Hoch- und Tiefbauarbeiten“ (CPA-Güterklassifikation Nr. 45.1 – 45.2) einerseits und „Bauinstallations- und sonstige Bauarbeiten“ (CPA-Güterklassifikation Nr. 45.3 – 45.5) anderseits.
- Szenario 4: Die ökonomischen und fiskalischen Wirkungen des vierten Szenarios resultieren aus einer Endnachfrageerhöhung nach elektrotechnischen Erzeugnissen. Der 500 Mio. € schwere Nachfrageanstoß verteilt sich dabei zu jeweils 25% (d.h. 125 Mio. €) auf die Gütergruppen „Herstellung von Büromaschinen, Datenverarbeitungsgeräten und –einrichtungen“, „Herstellung von Geräten der Elektrizitätserzeugung, -verteilung, u.Ä.“, „Herstellung von Erzeugnissen der Rundfunk- und Nachrichtentechnik“ und „Herstellung von Erzeugnissen der Medizin-, Mess-, Steuer- und Regelungstechnik“.
In Tabelle 1 sind die berechneten Ergebnisse der einzelnen Szenarien übersichtlich dargestellt.
| Szenario 1 | Szenario 2 | Szenario 3 | Szenario 4 | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
|
Maschinenbau (CPA 29) |
Fahrzeugbau (CPA 34) |
Bau (CPA 45.1-45.5) |
Elektroerzeugnisse (CPA 30-33) |
|||||
| Multiplikator | in Mio. € | Multiplikator | in Mio. € | Multiplikator | in Mio. € | Multiplikator | in Mio. € | |
| Investitionssumme (generierter Umsatz) | 500,00 | 500,00 | 500,00 (2x250) | 500,00 (4x125) | ||||
|
|
||||||||
| Produktionseffekte | ||||||||
| direkte und indirekte Effekte | 1,83 | 913,57 | 2,15 | 1076,10 | 1,86 | 930,28 | 1,66 | 831,96 |
| inkl. endogenisierter Konsumnachfrage | 2,66 | 1331,90 | 2,89 | 1444,50 | 2,67 | 1336,30 | 2,40 | 1197,90 |
|
|
||||||||
| Wertschöpfungseffekt | ||||||||
| direkte und indirekte Effekte | 0,72 | 361,52 | 0.6226 | 311,28 | 0,82 | 407,64 | 0,63 | 314,29 |
| inkl. endogenisierter Konsumnachfrage | 1,16 | 581,15 | 1,0094 | 504,68 | 1,24 | 620,81 | 1,01 | 506,39 |
|
|
|
|||||||
| Einkommenseffekt | ||||||||
| direkte und indirekte Effekte | 0,45 | 228,03 | 0,40 | 200,79 | 0,44 | 221,33 | 0,40 | 199,45 |
| inkl. endogenisierter Konsumnachfrage | 0,65 | 325,86 | 0,57 | 286,94 | 0,63 | 316,28 | 0,57 | 285,02 |
|
|
||||||||
| Fiskalische Effekte bei endogenisiertem Konsum: | ||||||||
| direkte Steuern | 73,23 | 63,59 | 78,22 | 63,80 | ||||
| indirekte Steuern | 29,00 | 25,54 | 28,15 | 25,37 | ||||
| Einnnahmen aus Sozialversicherungsbeiträgen | 106,35 | 92,36 | 113,61 | 92,67 | ||||
| Entlastung der Sozialetats | 54,81 | 45,25 | 70,51 | 47,41 | ||||
| Gesamte Haushaltsentlastungen | 263,39 | 226,73 | 290,49 | 229,25 | ||||
| Beschäftigungseffekte (AK) |
Personen/ 1 Mio € |
Personen/ 1 Mio € |
Personen/ 1 Mio € |
Personen/ 1 Mio € |
||||
| direkte und indirekte Effekte | 10,93 | 5470 | 8,58 | 4290 | 16,64 | 8320 | 9,38 | 4690 |
| inkl. endogenisierter Konsumnachfrage | 19,57 | 9530 | 15,74 | 7870 | 24,52 | 12260 | 16,48 | 8240 |
Die Berechnungsergebnisse verdeutlichen, dass es kurzfristig für Unternehmen und Staaten durchaus rational ist, Korruption nicht gänzlich zu unterbinden. Nichtsdestotrotz muss natürlich darauf hingewiesen werden, dass aus mittel- und langfristiger Sicht die Schäden durch Korruption die vermeintlich positiven Effekte überkompensieren und sich somit nachteilig auf die Unternehmen bzw. den Staat auswirken. In diesem Zusammenhang muss insbesondere auf den drohenden Reputationsverlust für die betroffenen Akteure im weltweiten Wettbewerb hingewiesen werden.
Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass korrupte Handlungen mittel- und langfristig nicht im Interesse der Politik und Wirtschaft liegen, jedoch auf der kurzen Frist insbesondere für sehr exportorientierte Industrieländer, wie z.B. Deutschland, sowie für einzelne Unternehmen es rational sein kann, korrupte Handlungen nur begrenzt zu unterbinden. Somit belegen die gewonnenen Erkenntnisse, dass Anreize zur Anwendung bzw. Tolerierung korrupter Praktiken existieren, infolgedessen Schäden für Volkswirtschaften und Unternehmen bewusst in Kauf genommen werden.
